Was Fensterputzen mit innerer Klarheit zu tun hat

Heute habe ich Fenster geputzt. Das erste Mal in meinem Leben. Das mag komisch klingen für machen von Euch oder arrogant, aber so ist es nun einmal. Bisher habe ich immer andere Menschen gefunden, die das für mich getan haben. Weil ich einfach keine Lust dazu hatte und meine Ressourcen woanders einfach sinnvoller einsetzen wollte.

Wie oft finden wir die genialsten Strategien, um Dinge zu vermeiden, die wir nicht mögen oder denen wir uns vielleicht auch einfach nicht stellen wollen. Ganz besonders gilt dies oft auch für Dinge, bei denen wir schon wissen oder ahnen, dass sie uns anstrengen oder schmerzen werden. Wir Menschen neigen allzu häufig und allzu gerne einfach dazu, uns abzulenken und lieber  mal einen Umweg zu machen, als dass wir uns dem Unangenehmem direkt stellen.

Wenn Erinnerungen lebendig werden 

Nur: wir werden es nicht immer schaffen, uns vor manchen Dingen zu drücken. Vor allem nicht vor dem, was Wesentlich ist für unser Leben. Wie zum Beispiel schmerzhafte Ereignisse, die wir einfach noch nicht verarbeitet haben. Sie sind ja trotzdem da, und ganz tief in uns spüren wir dies auch. Ab und zu tun sie besonders weh. Wenn zum Beispiel ein bestimmter Duft uns an jemanden erinnert, den wir verloren haben. Wenn das Lied gespielt wird, bei dem wir uns in unseren damaligen Partner verliebt haben. Wenn wir  bei einem Essen zufällig das Lieblingsgericht unserer Kindheit vorgesetzt bekommen.

Dann wird das Gefühl, das wir so gut “unter Kontrolle” hatten, wie wir meinten, plötzlich groß und übermannt uns manchmal regelrecht. Wir haben einen dicken Kloß im Hals, manchmal schüttelt es uns und die Tränen fließen.

Wir dürfen uns immer wieder neu entscheiden 

Zurück zum Fensterputzen: heute war es einfach so weit. Die Scheiben waren dreckig, wie die erste Frühjahrssonne zeigte. Und es war gerade einfach niemand da, an den ich hätte abgeben können. Insofern war klar: wenn ich es ändern möchte, kann nur ich dies tun. Und zwar jetzt. Oder ich ignoriere es und lasse es eben einfach so, wie es ist. Nur: dann muß ich eben auch damit leben.

So ist es auch bei unserem Innenleben: Manchmal zeigt sich ein bisher unterdrücktes Gefühl einfach so deutlich, dass wir gar nicht mehr umhin können, als es zu bemerken. Und wir haben immer die Wahl. Wir können die Chance nutzen, die sich uns da gerade zeigt. Wir können allen Mut zusammen nehmen, uns langsam annähern und hingucken. Entweder alleine, oder, wenn es sich besser anfühlt, gemeinsam mit jemandem, der uns begleitet. Oder wir entscheiden uns, lieber nicht hinzugucken. Uns ganz schnell wieder abzulenken. Weil es ja weh tun könnte.

Wenn die Sonne wieder scheint…

Das Problem ist nur: wenn ich meine Fenster heute nicht putze und morgen wieder die Sonne scheint, kann ich einfach nicht weiter ignorieren, dass sie nunmal dreckig sind und ich eigentlich etwas ändern müsste. Die Ausrede, dass ich ja nicht wüßte, wie es ginge, hielt übrigens nur kurz. Denn auch ich weiß: woher soll ich wissen ob es ich kann, wenn ich es noch nie probiert habe? (Und ja, da gibt es sicher noch Verbesserungspotential ;-))

Wie ich mich motiviert habe, heute trotzdem Fenster zu putzen? Und mir immer mal wieder so manch bisher unverarbeitetes Erlebnis anzuschauen? Ich habe mir vorgestellt, was passiert, wenn ich mich entscheide, es einfach zu tun. Wie wunderbar strahlend die Sonne morgen durch das frisch-saubere Fenster scheinen wird. Wie meine Wohnung plötzlich viel heller und fast wie neu erstrahlen wird. Genauso wie mein Leben.

In diesem Moment sitze ich auf meinem Sofa und schaue nach draußen. Die Sonne hat sich heute leider versteckt. Aber ich freue mich fast so unbändig wie ein Kind darüber, wie wunderbar klar nun meine Sicht ist. Im Innen wie im Außen. Und ich genieße diese neue Klarheit aus vollstem Herzen.

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