Macht Verlust Sinn und was das Ganze mit Auferstehung zu tun hat

Vor ein paar Tagen habe ich ein intensives und spannendes Gespräch geführt. Es ging um Geschichten, die das Leben schreibt. Über Verlust und den Umgang damit. Darüber, warum manche Menschen danach wieder auf(er)stehen und andere nicht. Und ob solch dramatische Einschnitte in unser Leben einen höheren Sinn haben.

Allzu oft ist die Antwort schnell formuliert: natürlich macht das keinen Sinn. Wie kann ein Verlust denn unser Leben bereichern? Wo soll denn da der Sinn sein, wenn der geliebte Partner stirbt? Wenn das Kind plötzlich schwer krank ist oder die Oma pflegebedürftig?

Zerstörung kann doch keinen Sinn machen

Ich verstehe das absolut. Schließlich erwächst diese Antwort aus unsäglichem persönlichen Leid, aus großem Schmerz, der fast nicht auszuhalten ist. Weil wir jemanden verloren haben, den wir geliebt haben. Uns vom Leben betrogen fühlen. Unsere Träume von jetzt auf gleich in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus, aus dem man eine tragende Säule entfernt. Im Englischen klingt die wesentliche Komponente für mich besonders klangvoll mit: “devastating loss” – “verheerender Verlust,”. Kaputt, am Boden zerstört. Genauso fühlt sich das an.

Leben nach einem Verlust ist anders als alles, was wir vorher gekannt haben. Dazu gehört auch, dass viele alte Vorstellungen vom Leben nicht mehr funktionieren. Manchmal ist es das Bild von der glücklichen Familie, von uns als Mann und Frau, oder von unserer Zukunft, das plötzlich wie mit dicker, schwarzer Farbe übermalt scheint. Auf jeden Fall ist immer etwas in uns erschüttert, das wir bis dato niemals in Frage gestellt hatten. Das Vertrauen darein, dass wir unverwundbar sind. Dass so etwas höchstens anderen passiert. Aber ganz sicher nie uns selbst.

Aus Zerstörung Neues schaffen 

Wir sind in unseren Grundfesten erschüttert. Es ist, als wäre unser Selbst in tausend kleine Stücke zersprungen. Wir müssen uns nach und nach wieder zusammensetzen. Einzelne verloren gegangene Stückchen wiederfinden und integrieren. Manche einst wesentlichen Teile von uns passen dann vielleicht nicht mehr. Oder nur noch in angepasster Form. Dafür kommen neue Wesenszüge von uns dazu, die wir vorher noch gar nicht kannten. Jedes dieser einzelnen Teile muss von uns in die Hand genommen und von allen Seiten aus der Nähe betrachtet werden. Nicht jedes davon ist schön und glänzend, und manches ließen wir vielleicht lieber links liegen, weil wir es nicht so gern als Teil von uns annehmen wollen.

Wenn wir bereit sind, diese kräftezehrende, aber lohnende Kleinarbeit mit uns zu machen, können wir uns neu entdecken. Dazu gehört es auch, das alte Ich noch einmal liebevoll in den Arm zu nehmen und sich von diesem zu verabschieden. Auch wenn es weh tut: wir sind nach einem Verlust einfach nicht mehr so wie vorher. Und doch: wenn wir mit freundlichem Blick hinschauen, ist es vielleicht ganz liebenswert, das neue Ich. Vollständiger, mit hellen und dunklen Anteilen, vielleicht auch mit mehr Tiefgang und mehr Entschlossenheit für das Leben.

Viel mehr als nur überlebt

Ob ein solcher Schicksalsschlag Sinn macht oder nicht, muss jeder für sich selbst beantworten. Was wir jedoch machen dürfen, ist, dass wir im Anschluss an einen Verlust liebevoll auf uns selbst schauen: Was habe ich durch diese schwierige Zeit über mich gelernt? Wo habe ich beispielsweise Stärke bewiesen, von der ich nie dachte, dass sie Teil von mir sei? Welche neuen Seiten von mir habe ich kennengelernt, die mir bisher fremd waren? Wieviel intensiver lebe ich heute, weil ich daran erinnert wurde, dass auch mein Leben endlich ist? Vielleicht können wir dann wahrnehmen, dass wir nach unserem tiefen Fall etwas getan haben, was wir zunächst nicht für möglich hielten: wir sind tatsächlich wieder aufgestanden. Wir haben nicht nur überlebt, sondern nehmen zumeist in einer größeren, schöneren und vollständigeren Version unserer Selbst wieder am Leben teil.