Du bist nicht allein oder einfach wahrhaftig berühren

`Ich muss da allein durch,´ dachte ich immer. ´So eine schlimme Geschichte wie meine kann ich doch keinem antun,´ ergänzte mein Kopf dann regelmäßig. Darum habe ich mich verkrochen. Nicht um Hilfe gebeten. Die Wahrheit versteckt. Und jeden Tag aufs Neue gekämpft. Allein.

Heute habe ich verstanden: dieses Verhalten paßte überhaupt nicht zu mir. Ich liebe Gemeinschaft und bin immer von Herzen gerne für andere da, damit sie eben nicht allein gehen müssen. Weil ich es für so wichtig halte, dass wir einander stützen und liebevoll die Hand reichen – gerade auch dann, wenn es  uns mal nicht so gut geht, weil wir uns großen Herausforderungen stellen müssen.

Was also habe ich da gemacht? Und auch, wenn es bei Schicksalsschlägen oft nicht sinnvoll ist, nach dem `Warum´ zu fragen, habe ich hier doch einmal genauer hingeguckt. Damit ich mich selbst besser verstehe und es künftig dann hoffentlich auch anders mache. Und anderen Mut mache, sich zu zeigen und um Hilfe zu bitten.

Du musst da allein durch 

So lautete mein alter Glaubenssatz. Ergänzt von `Du darfst Dich anderen nur zeigen, wenn es Dir gut geht. Dein Leid und Deine Schmerzen behältst Du bitte schön für Dich.´

Ist es nicht so? In unserer Gesellschaft wird Leid oft totgeschwiegen. Genauso wie der Schmerz, der damit einhergeht. Und doch kenne ich niemanden, der nicht einmal einen Verlust erlebt hat. Sei es durch eine Trennung von einem Partner, dem Tod eines nahestehenden Menschen, oder auch dem Gefühl, das Leben einfach nicht so leben zu können, wie wir es uns gewünscht hatten.

Und so viele von uns verstecken sich dann. Weil sie sich in ihrem Schmerz nicht zeigen wollen. Weil sie Angst haben, schwach zu sein. Weil sie sich schämen, nicht alles allein zu schaffen. Und weil sie tief in sich fürchten, dass sie dann nicht mehr gemocht oder geliebt werden. So wie wir viele Themen im wahrsten Sinne des Wortes `totschweigen´, weil sie uns unangenehm, peinlich oder zu schmerzhaft erscheinen.

Die Angst, wirklich zu berühren

Dabei sind gerade diese Themen oft diejenigen, mit denen wir andere Menschen wirklich berühren. Wo wir ganz echt und ehrlich miteinander in Kontakt treten. Wo wir uns zeigen mit all unseren Facetten – von denen manche eben auch `dunkel´ sind. Weil die dunklen Momente, Gefühle, Gedanken eben auch zu uns gehören. Genauso, wie die hellen, heiteren und fröhlichen – bei denen wir übrigens oft kein Problem haben, sie mit anderen zu teilen.

Und wenn wir unsere dunklen Momente mit Anderen teilen, passiert etwas ganz Besonderes: Wir erinnern sie an ihre eigenen dunklen Momente. Viele bewerten diese jedoch als unerwünschte Erinnerungen und Ängste. Dies führt leider allzu oft zu Abwehr und Abweisung unserer Selbst. Und das tut weh. Aber – was uns immer klar sein darf – dies zeigt uns einfach nur den Umgang des Anderen mit seinen eigenen dunklen Seiten. Seine eigene Abwehr von Schmerz und Leid. Die uns nicht selten unseren eigenen Umgang damit spiegelt.

Das Licht einer Kerze scheint im Schatten besonders hell

Und dann gibt es diese Menschen, die verstanden haben, dass sowohl Licht als auch Dunkel zum Leben gehören. Dass das eine ohne das andere nicht existieren kann. Dass das Leben eben gerade aus diesen Aufs und Abs, aus Freude und Schmerz, aus fröhlichen und traurigen Momenten besteht. Und dass gerade dies unser Leben lebenswert macht. Und uns als Persönlichkeit erst richtig erfüllt. Ohne all diese Facetten wären wir vielleicht ein strahlendes, aber eben kein vollständiges Abbild unserer Selbst.

Wenn wir verstehen, dass unser Licht noch einmal viel heller und liebevoller leuchtet, wenn wir uns öffnen für alle Farben unserer Persönlichkeit. Die hellen und die dunklen. Dann werden wir zum Gesamtkunstwerk. Mit Ecken und Kanten, mit Schatten und Licht, mit dunklen und leuchtenden Stellen.

So gerne möchte ich Dich ermutigen, Dich zu zeigen. Dich anzunehmen, wie Du bist. Ohne Bewertung. Ohne zu überlegen, was das Außen wohl dazu sagen wird. Sondern Dich anzunehmen mit all dem, was Du erlebt hast. Mit Deiner ganzen Geschichte, die Dich durch Täler und über Berggipfel geführt hat. Weil Du gerade deshalb heute so wundervoll und einzigartig bist.

Wenn Du Dich so zeigst, wie Du bist, musst Du den Weg auch nicht mehr alleine gehen. Du wirst Menschen finden, die Dich begleiten. Ihr werdet traurige und fröhliche Momente miteinander teilen und Euch wahrhaftig begegnen und berühren. Denn das ist das Leben.