Du bist einfach nicht gut genug oder der Umgang mit Scham

Kennst Du das auch? Ich habe immer versucht, alles allein zu machen. Die Kinder. Die Wohnung. Einkaufen. Arbeiten. Geld verdienen. Und alles, was noch so zum alltäglichen Leben dazu gehört. Hab ich ja auch so gelernt. Du musst stark sein, hieß es. Durchhalten war die Devise. Und dann? War eines Tages einfach alles zu viel.  Unerhörterweise wurde ich einfach mal krank.

Der Körper holt sich die Ruhe und die Erholung, die er braucht. Da kann unser Geist noch so sehr antreiben und rufen und erinnern daran, dass wir bloß keine Schwäche zeigen dürfen. Irgendwann geht das einfach nicht mehr.

Für mich war das eine harte Erkenntnis. Mal einfach nicht mehr zu können. Mal einfach nur so da liegen. Das war der Punkt, wo ich endlich verstanden habe.

Scham als treibende Kraft 

Nach einem Verlust wäre es eigentlich wesentlich, auch mal schwach zu sein. Trauer zuzulassen, Hilflosigkeit, Ohnmacht. Stattdessen werden wir jeden Tag etwas härter – vor allem mit uns selbst – um alles zu stemmen. Was uns treibt, ist natürlich der fordernde Alltag. Der uns auch ein Stückchen Halt und Schutz gibt in einer Situation, die – manchmal nicht nur gefühlt -existenzbedrohend ist. Aber allzu oft liegt noch etwas dahinter, was viel schwerer greifbar ist: die Scham. Tief in unseren Herzen schämen wir uns, plötzlich anders zu sein. Wir schämen uns dafür, dass wir nun nicht mehr in das Bild passen, was die Gesellschaft und wir selbst von uns hatten. Und ganz besonders verunsichert es uns wahrzunehmen, dass wir uns manchmal einfach schwach und klein fühlen. Wir haben doch gelernt, stark zu sein. Wie soll das einhergehen mit Schwäche zeigen und dem, was natürlich daraus folgt –  nämlich um Hilfe zu bitten.

Bei mir ging das so weit, dass ich eines Tages nach vier Wochen abwechselnder Krankheit meiner beiden Mädels dem umhertanzenden Virus einfach nicht mehr ausweichen konnte. Ich wurde selbst krank. Da lag ich nun im Bett, völlig erschöpft, und wußte nicht, wie ich meine Große morgens zum Schulbus bringen sollte. Ich versuchte es trotzdem. Mit der Konsequenz, dass ich auf dem Weg dorthin fast umgekippt wäre. Da wusste ich: es geht so nicht weiter. Ich muss nun um Hilfe bitten, egal wie unangenehm und peinlich es mir gerade ist, meine eigene Schwäche einzugestehen. Vor allem vor mir selbst. Ich war anscheinend einfach nicht gut genug. Für mein Selbstverständnis war das ein echtes, großes Versagen. Ich habe Freunde angerufen, die am nächsten Tag tatsächlich morgens um sieben meine Tochter abgeholt und zum Bus gebracht haben. Ein anderer Freund fuhr zeitgleich durch die ganze Stadt, um uns Lebensmittel zu bringen. Wie unangenehm mir das war, brauche ich gar nicht zu sagen. Und: alle haben es gerne gemacht. Sie haben sich gefreut, dass sie uns unterstützen konnten.

The other side

Das Spannende ist die Diskrepanz zwischen unserer eigenen Wahrnehmung und derer Anderer, wenn es um Hilfe geht. Ich zum Beispiel unterstütze so gerne und stehe Menschen im Alltag zur Seite. So gerne, dass ich mir das ja sogar zum Beruf gemacht habe. Könnte es also sein, dass es anderen genauso geht wie mir? Dass sie mit Freude helfen und es ihnen vielleicht sogar gut tut? Und dass diese Scham in mir eine falsche Scham ist, die mich von einer der natürlichsten Dinge abhält, die uns Menschen einander nahe bringt? Dass es zum Leben dazu gehört, auch mal Schwäche zu zeigen? Wenn ich dies nicht tue, komme ich mit Menschen gar nicht erst so sehr in Verbindung, wie es eigentlich schön ist. Ich lasse sie nur einen Teil von mir sehen: den schönen, starken, glänzenden Teil. Den Teil von mir, den ich bisher besonders gern mochte.

Der Scham einfach mal einen Tritt geben 

Aber was passiert, wenn ich auch meine weniger makellose Seite zeige? Wenn ich meine Scham galant der Tür verweise (besser: ihr einen ordentlichen Tritt versetze) und mich so zeige, wie ich mich gerade wirklich fühle? Verletzt, schwach, absolut überfordert und hilflos? Ich habe es ausprobiert. Und ja, es ist mir erst einmal wahnsinnig schwer gefallen, über meinen eigenen Schatten zu springen. Aber dann ist etwas Wunderbares passiert. Ich habe mich gezeigt. Und dadurch habe ich Menschen gefunden, die das auch tun. Wir haben uns plötzlich auf eine ganz andere, viel menschlichere Art und Weise berührt. Nämlich von Herz zu Herz. Mit all dem, was und wie wir sind. Dadurch ist so viel mehr Nähe und besondere Verbindung entstanden. Wahre, tiefe, ganz besondere Freundschaften.

Um Hilfe zu bitten fällt mir nach wie vor schwer. Und ich weiß, dass ich nach und nach immer besser werde. Weil ich immer mehr verstehe, dass ich wirklich nicht alles allein tun muss. Dass es nicht umsonst heißt, es brauche ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Für mich darf es auch eine ganze Gemeinschaft geben, um mit Verlust umzugehen und sich ein neues Leben aufzubauen. Diese Gemeinschaft ist schon längst da. Wir dürfen einfach nur unseren Platz im Wartesaal der Trauer verlassen und uns genauso zeigen, wie wir sind. Mit allen Hoffnungen, Stärken und auch in all unserer Verletzlichkeit. Dann werden wir reich beschenkt.

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